"Gerechter unter den Völkern" 1994
Stegen 1995
Yad Vashem 1995
Handrup 1996
Aschendorf 1997
Gedenkfeiern 1998
Stegen 1999
   

BOTSCHAFT DES STAATES ISRAEL

Der Botschafter 

Grußwort 

Verehrte Festgäste, 

mit großer Wertschätzung habe ich die Initiative aufgenommen, das heutige 100jährige Jubiläum der Realschule Aschendorf zum Anlaß nehmen, ihr den Namen "Heinrich-Middendorf-Realschule" zu geben. Ich meine, dies war ein wunderbarer Entschluß, und ich gratuliere der Schulleitung und seinem Kollegium dazu auf das herzlichste. 

Ich darf dazu aus meiner Sicht sagen: Pater Dr. Heinrich Middendorf ist im Jahre 1995 von der Holocaust-Gedenkstätte YAD VASHEM in Jerusalem in den Kreis der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen worden, denn der im Namen des jüdischen Volkes solchermaßen Geehrte hatte während der Zeit des Nationalsozialismus einer Anzahl verfolgter Juden - darunter auch Kindern - lebensrettende Hilfe gewährt, indem er sie im Missionshaus Stegen bei Freiburg bis Kriegsende versteckt hielt. 

Die Patres vom Herz-Jesu-Kloster in Stegen haben seinerzeit die Auszeichnung mit sehr herzlicher Ehrerbietung für ihren früheren Mitbruder entgegengenommen, ihn im Rahmen einer würdigen YAD VASHEM-Gedenkstunde gefeiert, seinen Namen auf der MEMORIAL-WALL im "Garten der Gerechten" in YAD VASHEM verewigt und im vorigen Jahre auf seinem Grab auf dem Klosterfriedhof von Handrup eine neue Platte angebracht, auf der auch - in Deutsch und in Hebräisch - eingeschrieben ist, daß er einer der "Gerechten unter den Völkern" ist. - - - Und ab heute wird also die Realschule in seinem Geburtsort, deren Schüler er war, seinen Namen tragen. 

Ich darf sicher noch einmal zum Ausdruck bringen, daß ich persönlich - die Botschaft und auch YAD VASHEM - über die Art und Weise, wie von deutscher Seite die Ehrung für Pater Middendorf entgegengenommen wurde, hocherfreut waren. Aber, meine Damen und Herren, erlauben Sie mir folgenden Gedankengang: eine Sache ist es, eine YAD VASHEM-Gedenkfeier zu arrangieren, in deren Rahmen Medaille und Urkunde offiziell überreicht werden - und wenn die Gäste hinterher Dank sagen für die Einladung zu der Veranstaltung, deren Erleben sie meist als eine persönliche Bereicherung mit sich nehmen. Eine Sache ist es auch, eine neue Gedenkplatte auf seinem Grab anzubringen, die jedem Friedhofsbesucher durch eine andere Größe und Beschriftung auffällt und die wie von selbst die Frage aufwirft: "Ein von YAD VASHEM mit dem Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" Ausgezeichneter - ach - was ist das denn eigentlich?" 

Aber das - ganz - andere ist es, einer Bildungsstätte für die Jugend dieses Landes seinen Namen zu geben! - - - Nomen est Omen - man weiß, daß jede Lehranstalt, jede Universität, jede Stiftung - welche Art von Institution auch immer - dem Menschen, dessen Namen sie trägt, seinem Geist, seinem Wirken oder seinen Verdiensten verpflichtet ist. - - - Die Realschule Aschendorf wird also fortan dem Geiste Pater Dr. Heinrich Middendorfs verpflichtet sein - ich meine, das ist eine ernste Sache. 

Jeder, der heute hier anwesend ist, weiß, wer Pater Middendorf war - ein Geistlicher - und an einer der Stationen seines Lebensweges - Rektor des Klosters der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu­Priester in Stegen. Unter anderem ein von Israel für seine Menschlichkeit in einer Zeit größter Unmenschlichkeit offiziell Geehrter. - - - Man kann nun einwenden, er sei Priester gewesen und schließlich und endlich von Berufs wegen der Menschlichkeit und der Nächstenliebe verpflichtet. 

Aber an dieser Stelle möchte ich gedanklich den Geistlichen ganz bewußt loslösen von seinem Beruf, seiner Berufung. Ich möchte an den Menschen Heinrich Middendorf denken, an den Deutschen. - - Jedem, der bisher schon einmal Gelegenheit hatte, sich mit den Geschichten der deutschen Judenretter näher zu beschäftigen, wird aufgefallen sein, daß alle "Gerechten" eine Anzahl von Eigenschaften gemeinsam haben: eine unabdingbare Verantwortung dem eigenen Gewissen gegenüber, ein ausgeprägtes Unrechtsbewußtsein und der Wille, dem Unrecht entgegenzutreten und zu tun, was zu tun ist - Besonnenheit, Mut und Beharrlichkeit, vor allem die Fähigkeit, Mitleid mit den Gequälten zu empfinden - - - und nicht zuletzt in den meisten Fällen auch eine gehörige Portion List, um den Verderber, der ja immer beiden auf den Fersen war - den Beschützern und den Beschützten - hinters Licht zu führen. Diese Eigenschaften der "Gerechten" sind bei den meisten beileibe nicht nur ein einziges Mal zu Tage getreten - etwa in dem "lichten Augenblick", in dem sie den lebensgefährlichen Entschluß faßten, verfolgten Juden zu Hilfe zu kommen. Nicht selten halfen sie auch anderen. Ihre Menschenliebe schloß jeden ein, der ihrer bedurfte. So sind - so waren - die "Gerechten". So war Heinrich Middendorf, so war der Mensch, der Deutsche, der Priester. 

Noch einmal - Nomen est Omen! Gehen wir in Gedanken zurück in die Schreckensjahre 1933 bis 1945. - - - Damals trugen die deutschen Bildungsstätten auch Namen von "Größen", die der Jugend als Vorbild dienen sollten! Kein Zusammenbruch des Bösen war je totaler und sinnfälliger - aber ich habe während meiner bisherigen Amtszeit in diesem Lande den festen Eindruck gewonnen, daß die weitaus meisten Deutschen aus den Erfahrungen mit einem Regime wie dem der Nationalsozialisten den einzig richtigen Schluß gezogen haben und ihr "Nie wieder!" zu leben wissen. - In diesem Sinne möchte ich es sehen, daß ab heute eine Bildungsstätte für Kinder und Jugendliche den Namen eines Deutschen trägt, für dessen Größe der Maßstab allein Menschlichkeit und Güte ist. - - - Nach dem entsetzlichen Leidensweg unserer beiden Völker kann ich darin nichts anderes sehen, als einen atemberaubenden Sieg des Guten über das Böse. 

Daß sich dem Geiste Pater Dr. Heinrich Middendorfs ab heute und für immer viele, viele Schülerinnen und Schüler der Realschule Aschendorf verpflichtet fühlen und sein Vorbild mit auf ihren Lebensweg nehmen mögen, ist an diesem Tage sicher nicht nur mein Herzenswunsch. 

 

A. Primor

Botschafter des Staates Israel

  

Bonn-Bad Godesberg, den 18. April 1997