"Gerechter unter den Völkern" 1994
Stegen 1995
Yad Vashem 1995
Handrup 1996
Aschendorf 1997
Gedenkfeiern 1998
Stegen 1999
Stegen 2004
   
 

Hier überlebten

1933-1944

 

Dieter
Bachenheimer
Eva
Bachenheimer

Irmgard Giessler
Ursula
Giessler

Heinz-Kasimir
Karmiol
Helga
Karmiol

Lotte
Paepcke
Peter
paepcke

Gerhard
Zacharias

 

versteckt/gerettet
vor Deportation
und tod
von
pater heinrich
middendorf scj

 

Stolpersteine erinnern an Pater Heinrich Middendorf

 

von Paul Thoben

 

"'Stolpersteine' sind ein anschauliches Bild für Dinge, die uns stören, die uns behindern oder sogar blockieren. Sie müssen aus dem Weg geräumt werden.“1 So lautet der einleitende Satz im „Methodenkoffer Solpersteine“, der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird. Der Kölner Künstler und Bildhauer Gunter Demnig verlegt im Gegensatz dazu Stolpersteine, die im Weg liegen und auch liegen bleiben sollen. Seine Stolpersteine sind kleine Quader, Pflastersteine, mit einer Deckplatte aus Messing versehen, in die eine Schrift geschlagen ist zur Erinnerung an Wohnorte von Opfern des Nationalsozialismus.

Die Idee für diese Art des Gedenkens hatte der gebürtige Berliner 1990, als er anlässlich des 50. Jahrestages der Deportation von 1000 Roma und Sinti aus Köln einen Messingschriftzug verlegte. Gunter Demnig dazu in einem Interview: „Es war in der Südstadt, am Großen Griechenmarkt, als eine Zeitzeugin mich ansprach: 'Ist ja ganz schön, was Sie hier machen, aber in unserem Viertel haben doch nie Zigeuner gewohnt.' Sie können sich vorstellen, die Worte verwirrten mich. Aber ganz offensichtlich hatte die Frau es wirklich nicht gewußt. Langsam begriff ich: Die Menschen in dem Viertel lebten ganz normal, nachbarschaftlich zusammen. Zigeuner waren wie alle anderen gemeinschaftlich eingebunden, mit den jüdischen Mitbürgern muss es ähnlich gewesen sein. Es interessierte nicht, ob jemand vielleicht fremd oder anders aussah, etwas anderes glaubte oder einer anderen Volksgruppe angehörte. Und trotzdem wurden diese Menschen später deportiert, ohne nennenswerten Widerstand ihrer Nachbarn. Auschwitz war der Ziel- und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen.“ 2

Das theoretische Konzept konnte zunächst jedoch nicht realisiert werden. Erst vier Jahre später fand in der Antoniterkirche in Köln eine Ausstellung zum Projekt mit rund 250 Steinen statt. Weitere zwei Jahre vergingen, bis alle politischen und behördlichen Genehmigungen vorlagen und die Steine ordnungsgemäß verlegt werden konnten, nachdem vorher schon einige Steine „illegal“ in die Bürgersteige vor den ehemaligen Wohnorten der Personen eingelassen worden waren.

Zur technischen Ausführung der Steine sagt Gunter Demnig folgendes: Die Steine haben eine Grundfläche von 1o x 1o cm und sind 1o cm hoch, d.h. sie sind später 1o cm tief in die Gehwege eingelassen. Natürlich plano – das ”Stolpern” soll ja nur symbolisch sein. Der Text wird mit Schlagbuchstaben in 1mm starkes, halbhartes Messingblech eingeprägt und ist damit nicht mehr zu korrigieren oder zu entfernen. Die Enden des Blechstreifens werden nach hinten gefalzt und durch zwei Bohrungen wird Baustahl zur Armierung eingesetzt. In einer Stahlform werden jeweils 4 Bleche mit Estrichbeton hinterfüllt, auf dem Rütteltisch hoch verdichtet und sofort wieder ausgeformt. Nach einer Anfangshärtung erhalten die Steine ihre maximale Festigkeit durch ein Wasserbad von der Dauer einer Woche. 3

Von Schulen, Bürgerinitiativen oder Gedenkkreisen unterstützt, hat er seitdem in über 50 Orten etwa 4500 Messingplatten verlegt, davon allein 750 in Berlin und 700 in Hamburg.

Der erste Stolperstein in Freiburg wurde auf Initiative von Marlis Meckel im Oktober 2002 ins Trottoir verlegt. Mittlerweile finden sich hier knapp 200 „Landmarken der Deportation“ 4, die besonders gut im Internet dokumentiert sind. Alle 200 Steine können mit ihren Inschriften und dem Ort der Verlegung aufgerufen werden.5

Auch in Haselünne liegen seit dem 10. November dieses Jahres elf Stolpersteine mitten in der Stadt, auf dem Weg zum Rathaus, zum katholischen Pfarrheim und zum evangelischen Pfarrhaus. Sie erinnern an die Familien Ida Steinburg und Goldine Fiebelmann, die am Krummen Dreh wohnten, und an die Familie Samuel und Henny Steinburg mit den Kindern Anna, Hildegard und Hans, die in der Nordstraße wohnten.6

Im nördlichen Emsland sind bisher noch keine Steine verlegt worden. Welche Schritte zur Vorbereitung einer solchen Verlegung im einzelnen nötig sind, kann der Anlage 1 zu diesem Artikel entnommen werden.

Die Stolperstein-Aktion ist nicht nur auf das Gedenken an jüdische Opfer des NS-Regimes zwischen 1933 und 1945 beschränkt. Günther Demnig sagt dazu in dem bereits erwähnten Interview: „Das Konzept sollte jedoch von Anfang an alle Opfergruppen umfassen: Roma und Sinti, Juden, politische Opfer: Kommunisten und Sozialdemokraten, verfolgte Christen, Euthanasieopfer und Zeugen Jehovas. Schließlich musste ja jeder, der nicht ins Menschenbild der Nationalsozialisten passte oder sich nicht einfügte, mit Repressalien, Gestapohaft, mit Folter, mit materieller oder letztlich physischer Vernichtung rechnen.“ 7

Im Juli 2004 verlegte Demnig erstmals Stolpersteine für Menschen, die während der NS-Zeit verfolgten Juden geholfen hatten und dafür als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden waren: Gertrud Luckner in Freiburg und Pater Heinrich Middendorf in Stegen. Auch für die von Pater Middendorf Geretteten wurden Denkmale gesetzt. Damit wurde das Konzept des Künstlers, das bisher nur Opfergruppen umfasst hatte, ausgeweitet auf die Gruppe derjenigen Menschen, die im allgemeinen als „stille Helfer“ oder „unbesungene Helden“ bezeichnet werden.8

Unter der Überschrift „Ein Denkmal zum Verneigen“ berichtete die Badische Zeitung über die Aktion im Hof des Stegener Kollegs St. Sebastian, dem früheren Herz-Jesu-Kloster, das von 1938 bis 1946 von dem in Aschendorf geborenen Pater Dr. Heinrich Middendorf SCJ geleitet worden war. Neun Menschen wurden von ihm in den letzten Kriegsjahren vor der Verfolgung bewahrt: Eva und Dieter Bachenheimer, Irmgard und Ursula Giessler, Helga und Heinz-Kasimir Karmiol, Lotte und Peter Paepcke und Gerhard Zacharias. In dem Zeitungsartikel heißt es: Die von Pater Middendorf aufgenommenen Menschen wussten vereinzelt gar nicht, dass sie nicht die einzigen versteckten Juden im Kloster waren. Gerhard Zacharias kannte Lotte Paepcke, die in der Gärtnerei untergebracht war, zwar dem Namen nach, dass sie sich allerdings das gleiche Schicksal teilten, wussten beide nicht. Pater Bernd Bothe ist es zu verdanken, dass der große Mut Pater Heinrich Middendorfs bekannt wurde. Pater Bothe recherchierte in den 90er Jahren Pater Middendorfs Taten auf dem Dachboden des Schlosses.“ 9

Der evangelische Religionslehrer Klaus Storck ergriff im vergangenen Jahr mit einer damaligen zehnten Klasse die Initiative zur Stolperstein-Verlegung. Diese Initiative hatte nun den Anstoß gegeben, daß Gunter Demnig erstmals nicht für Opfer, sondern für Retter und Gerettete Messingsteine anfertigte und verlegte.

Das „Stolpern“ solle nur symbolisch sein, hatte Demnig in dem Interview mit Uta Franke gesagt. Wie eine nicht aus Deutschland stammende junge Frau über einen solchen in Freiburg verlegten Stein ins „Stolpern“ kam, kann der Anlage 2 – Gedanken einer Niederländerin – entnommen werden.


 

Anmerkungen

1.  Methodenkoffer Stolpersteine der Bundeszentrale für Politische Bildung [http://www.bpb.de/methodik/J4X0OC,0,0,Anzeige_einer_Methode.html?mid=329].

2. Interview von Uta Franke mit Gunter Demnig im April/Mai 2002, S. 3. Das vollständige Interview kann auf der Seite [http://www.stolpersteine.com/kontakt.htm] angefordert werden.

3. Wie Anm. 2, S. 5.

4. So der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Oktober 2004.

5. [http://www.freiburg-im-netz.de/stolpersteine/index.php]. Vgl. auch Aktion „Stolpersteine“, Sendung des SWR vom 13. 8. 2004.

6. Meppener Tagespost vom 12. 11. 2004.

7.Wie Anm. 2, S. 4.

8. Vgl. Grossmann, Kurt: Die unbesungenen Helden, Menschen in Deutschlands dunklen Tagen, Berlin 1958; Silver, Eric: Sie waren stille Helden. Frauen und Männer, die Juden vor den Nazis retteten, München 1992; Deutschkron, Inge und Benz, Wolfgang: Stille Helden. Zeugnisse von Zivilcourage im Dritten Reich, hrsg. Von der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank, Frankfurt/Main 2002.

9. Badische Zeitung vom 14. Juli 2004.

Veröffentlicht in: Aschendorfer Realschulkurier, Ausgabe 7, Dezember 2004, hrsg. v. d. Heinrich-Middendorf-Realschule Aschendorf, Seite 14-18.