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DOMKAPITULAR POHNER
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FIRMUNG Sankt Michael Munster
2004
Domkapitular Pohner mit Janina

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Sehr geehrter Herr Pohner,
Wie am vergangenen Sonntag besprochen, senden wir Ihnen heute eine E-Mail, um
Ihnen ein paar Fragen zu stellen und Sie über unser Projekt zu informieren.
Wir sind der katholische Religionskurs 9/10 des Gymnasiums Munster und im Rahmen
des europaweiten Comenius-Projektes beschäftigen wir uns mit den deutschen
Vertriebenen des 2.Weltkriegs, vor allem mit den katholischen, und die
Auswirkungen, die sie auf die Entwicklung der katholischen Gemeinden hatten, natürlich
mit speziellem Blick auf Munster.
Bei dem Firmbewerber-Treffen vor zwei Wochen, erzählten sie uns bereits, dass
auch Sie mit ihrer Familie aus Ihrer Heimat vertrieben worden sind. Können Sie
uns einen kurzen Überblick über den Verlauf Ihrer Vertreibung geben könnten.
Uns interessieren natürlich auch Einzelheiten.
Da wir Probleme hatten, aus den Nachkriegsjahren Unterlagen zu finden, welche
die Entwicklung der Kirchengemeinden im Bistum Hildesheim allgemein schildern ,
können Sie uns vielleicht weiterhelfen, z.B. wo wir entsprechende Zahlen,
Dokumente und andere Quellen finden könnten. Hier interessiert uns
wiederum speziell die Veränderungen, die durch die Flüchtlinge und
Vertriebenen vor sich gegangen ist.
Wir danken Ihnen schon im Voraus recht herzlich für Ihr Interesse und Ihre
Bereitschaft uns bei unserem Projekt mit Informationen zu helfen!
Mit freundlichen Grüßen
der katholische Religionskurs des Gymnasiums Munster
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Liebe Jugendliche des katholischen Religionskurses des Gymnasiums Munster,
wie versprochen, will ich im Folgenden kurz berichten, wie es uns bei der
Vertreibung aus dem Sudetenland ergangen ist.
Im August 1946 mussten die Einwohner unseres Ortes Gießhübel im Adlergebirge
(Sommerfrische und Wintersportort am Fuß der Hohen Mense) immer wieder erleben,
dass am Abend die Ärmsten der Armen aus dem Inneren der Tschechoslowakei (die
man dorthin deportiert hatte) durch das Städtchen gingen und die Häuser
eingehend betrachteten. Sie durften sich ihre künftigen Häuser aussuchen. Die
deutschen Einwohner standen voller Angst hinter den Gardinen, denn sie wussten,
dass man sie vertreiben würde.
Beim ersten Mal war meine Mutter im Krankenhaus in Bad Kudowa. Früh um 6.00 Uhr
ertönte lautes Geschrei, und es wurde wild an die Haustür getrommelt. Etwa 16
Partisanen in braunen Uniformen waren erschienen und hatten sich auf mehrere Häuser
aufgeteilt. Vor unserer Tür standen vier bis sechs Partisanen mit
aufgepflanzten Bajonetten. Meinem Vater wurde bedeutet, dass wir das Haus sofort
zu verlassen hätten. Wir dürften nur schnell zusammenpacken, was wir in den Händen
mitnehmen könnten. Der Vater stand da wie versteinert. Meine "große"
Schwester Maria (10 Jahre alt) füllte zwei Kartoffelsäcke mit allem, was sie
so in den Schränken fand. Hinterher stellte sich heraus, dass der größte Teil
belangloses Zeug war. Meine "kleine" Schwester Margit (4 Jahre alt)
und mich (6 Jahre alt) stellte sie auf das Bett und zog uns alles an, was wir am
Leibe tragen konnten: 3 Hemdchen, mehrere Trikothosen, Leibchen, Strümpfe usw.
Wir konnten uns kaum noch bewegen. Inzwischen hatte aber ein tschechischer
Dorfbewohner, der eine kleine Weberei besaß und der meinem Vater sehr verbunden
war, den Bürgermeister im Gemeindeamt aufgesucht. Er bat ihn zu berücksichtigen,
dass unsere Mutter im Krankenhaus war, und uns in Ruhe zu lassen. Schließlich
ließ sich der Bürgermeister darauf ein und verhandelte mit den Partisanen. Wir
durften wieder auspacken, und die Meute zog ab. Meine Schwester Maria erinnert
sich noch heute gut daran, dass der Vater danach eine Flasche Schnaps auf den
Tisch gestellt und zu ihr gesagt hat: "So, Mariechen, jetzt darfst du
deinen ersten Schnaps trinken!" Und Vater und Töchterchen haben unter Tränen
gemeinsam einen Schnaps getrunken.
Schlimmer erging es meiner Tante und meinem Onkel mit ihren Kindern. Sie mussten
ihr Haus innerhalb von 10 Minuten verlassen. Als sie oben noch versuchten, in
aller Eile ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken, standen unten im Haus schon
die tschechischen Nachbewohner und forderten sie zu größerem Tempo auf. Den
Kindern rissen sie die Puppen aus den Armen. Die Familie wurde auf ein Gut in
der Tschechei gebracht und musste dort ohne Entgelt arbeiten. Vier oder fünf
etwa vierzehnjährige Mädchen der verschleppten Familien wurden von Russen
brutal vergewaltigt, die dorthin gekommen waren, darunter auch eine meiner
Cousinen, ein bildschönes Mädchen. Sie hat das ihr Leben lang nie verwunden
und konnte nie eine Beziehung zu einem Mann aufnehmen. Vor drei Jahren ist sie
gestorben.
Ein paar Tage nach dem oben geschilderten Erlebnis kam meine Mutter aus dem
Krankenhaus. Kurz danach wurde uns bedeutet, dass wir nun die Heimat und unser
Haus zu verlassen hätten, gemeinsam mit mehreren anderen Familien. Diesmal
durften wir einige Kisten und die Betten mitnehmen. Auf Leiterwagen wurden wir
in die Tschechei nach Neustadt transportiert. Dort wurden wir in einer riesigen
offenen Lagerhalle untergebracht, in der Strohsäcke ausgelegt waren. Von dort
ging es in Güterzügen weiter. In unserem Waggon waren 32 Personen
eingepfercht, darunter wir kleinen Kinder, aber auch alte Leute, z. B. unser über
achtzig Jahre alter Großvater. In der Mitte des Waggons stand ein Eimer, in dem
wir unsere Notdurft verrichten mussten. Unterwegs hielt der Zug ein paar Mal an.
Am Bahnsteig waren offene Latrinen aufgebaut, und es gab Suppe in großen
Milchkannen. Wir dachten zunächst, es sei Nudelsuppe, bis wir feststellten,
dass keine Nudeln, sondern dicke Raupen und Maden darin herumschwammen. Trotzdem
haben alle davon gegessen. Während der Fahrt im Waggon ernährten uns die
Eltern mit Brotwürfeln, die sie getrocknet hatten.
Einige Zeit mussten wir in Halbstadt verbringen. Wir hatten uns mit etwa 15
Leuten aus mehreren Familien einen Raum zu teilen, der total verwanzt war.
Wir kamen für einige Wochen in das Quarantänelager Pruchten. In einer der
Baracken wurde uns gemeinsam mit einer anderen Familie ein Raum zugewiesen. Wir
waren insgesamt 10 Personen. Von dort ging es weiter nach Zingst an die Ostsee.
Wir 6 Personen (einschließlich meines alten Großvaters) wurden in zwei winzig
kleinen, miteinander verbundenen schrägen Dachgauben untergebracht. Dort war es
so kalt, dass sich an den Innenseiten der Fenster dicke Eisblumen bildeten.
Einige Männer, darunter unser Vater, haben sich dann aufgemacht und sind mit
ihren Familien auf einem Lastwagen nach Westsachsen (Werdau bei Zwickau)
aufgebrochen, wo es angeblich Arbeit geben sollte. Die gab es zwar, aber sie
wurde so gering entlohnt, dass wir bitterste Armut gelitten haben. Mein Vater
setzte sich 1949 in den Westen ab und fand dort eine Anstellung beim Zoll. Im Frühjahr
1950 ist ihm unsere Mutter mit den drei Kindern und einer Katze nach
abenteuerlicher nächtlicher Überquerung der Grenze aus der Ostzone in den
Westen gefolgt.
Soweit meine Erinnerung an die Vertreibung. Mich haben die damaligen Erlebnisse
sehr geprägt, obwohl ich als kleiner Junge die ganze Härte der Geschehnisse
natürlich bei weitem nicht so erfahren habe wie meine Eltern. Für mich war
vieles ein großes Abenteuer. Aber ich hoffe inständig, dass sich ein solches
Abenteuer bei uns nicht bald wiederholt. Und ich nehme mit Betroffenheit und
Besorgnis wahr, wie viele Flüchtlinge es auch in unseren Tagen an verschiedenen
Orten dieser Welt gibt.
Ich grüße Euch und Eure Lehrer ganz herzlich!
Euer Adolf Pohner
Adolf Pohner, Domkapitular
Leiter der HA Pastoral
Bischöfliches Generalvikariat
Domhof 18 - 21
D-31134 Hildesheim
Tel. +49 [0] 51 21 - 307-300
Fax +49 [0] 51 21 - 307-618
E-Mail: leitung-pastoral@bistum-hildesheim.de
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