HINTERGRUND ZUR GESCHICHTE MUNSTERS
NACH WILHELM WOLTER

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Nach Wilhelm Wolter, Munster, Faßberg 1972, S. 185 ff.

Nachkriegszeit und Dienstgruppen

Die umfangreichen Baracken und Einrichtungen des Lagers wurden nach dem Kriege nicht restlos von den Besatzungstruppen ausgenutzt, deshalb richteten sie einzelne Teile als Entlassungsplatz für die in ihrem Gewahrsam befindlichen Kriegsgefangenen ein. Dazu brauchten sie wiederum neue deutsche Arbeitskräfte. Diese fanden sie in den eigens für diesen Zweck gebildeten Dienstgruppen. den ,,Wehrmacht-Entwaffneten-Einheiten. Sie bestanden aus ausgesuchten Kriegsgefangenen. in der Hauptsache aus Kraftfahrern und Kfz-Handwerkern und solchen, die in den deutschen Ostgebieten und im Sudetenland beheimatet waren. Eine der ersten war die Dienstgruppe 665, die im August 1945 aufgestellt wurde und dann im S-Lager   (Barkhof) untergebracht war. Die Männer waren noch Kriegsgefangene der Engländer, deshalb trugen sie auch die Uniformen der Gefangenen. deshalb hatte die ganze Einrichtung noch halbmilitärischen Charakter.

Der Einsatz bestand zuerst, als das  deutsche Verkehrswesen  im Chaos der letzten Kriegsmonate zusammengebrochen war, vor allem darin Versorgungsgüter für die Zivilbevölkerung zu fahren.

Eine  wichtige Aufgabe hatten sie in der Zeit von 1946 bis 1948 zu erfüllen, als sie in ungezählten Transporten die zur Entlassung gekommenen Kriegsgefangenen aus Munster in ihre Heimatgebiete brachten. Das Bild der Straße war derzeit von den Fahrzeugen der Dienstgruppen beherrscht. natürlich mit englischen Wagen und

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Es war die Dienstgruppe 116. die im Februar 1946 mit 333 Sudetendeutschen im E-Lager stationiert wurde. Eine weitere, die 869. Gruppe, wurde im Januar 1947 in Munster im K-II-Lager untergebracht, deren Angehörige insbesondere als Arbeiter für die Besatzungsmacht eingesetzt waren. Es blieb natürlich nicht aus, daß die  Männer der Dienstgruppen ihre inzwischen aufgefundenen Familienangehörigen nach hier holten und irgendwo in einer Baracke ein einigermaßen wohnliches Heim zu schaffen versuchten. Andere wiederum fanden hier ihre Lebensgefährtin und lebten dann ebenfalls in einer Notwohnung.

Alle entwickelten aber auch außerhalb ihres Dienstes ein reges Leben. Sie besaßen Kantinen, bauten schöne Gemeinschaftsräume aus, sorgten innerhalb der Bevölkerung für Erleichterung bei unerträglichen Zuständen, richteten gute Fortbildungsmöglichkeiten ein, kannten aber auch frohe Geselligkeit, ja gründeten sogar eine

In den Jahren 1947 bis 1949 häuften sich die Aufgaben der Dienstgruppen derart, daß weitere nach Munster kamen, zeitweise fanden hier zehn und mehr Beschäftigung. Davon waren zwei in den vielen von einer Dienstgruppe aufgestellten Nissenhütten des E-Lagers untergebracht, und zwar die 241. und 243. GSO (vorher 101. und 115. Dienstgruppe). Im Mai und Juni 1949 wurden sie aber wieder aufgelöst und die Männer teilweise auf die andern Gruppen verteilt. Am längsten hielt sich die Signal Group in Munster auf; sie hatte die Nachrichtenmittel des gesamten Übungsplatzes bis zur Übernahme durch die Bundeswehr zu bedienen und zu unterhalten. Die Männer dieser Gruppe waren somit die letzten Soldaten der Wehrmacht und die ersten der neuen deutschen Bundeswehr.

Am 1. August 1947 wurden alle Dienstgruppenmänner aus der Gefangenschaft entlassen und die Einheiten in eine zivile Arbeitsorganisation umgewandelt. Sie bekam darauf einen anderen Namen und hieß jetzt GCLO (German Givilian Labour Organisation Deutsche Zivile Arbeitsorganisation) und kurze Zeit später GSO (German Service Organisation). Dabei erhielten die Dienstgruppe 665 die Bezeichnung 531. GSO, die 116. fortan 242. GSO und die 869. Gruppe jetzt 429. GSO. Sie waren aber für die Männer nunmehr zum zivilen Arbeitsplatz geworden wie bei jeder anderen zivilen Beschäftigung.

Nachdem ein großer Teil der Aufgaben in Munster erfüllt war, verlegte man 1949 die 531. GSO nach Lüneburg in eine feste Kaserne (Lüner Kaserne). Die Einheit blieb aber weiterhin mit Munster verbunden, da immer ein größeres Kommando hier stationiert war und viele der Männer noch in Munster ihr Zuhause hatten. Während die 429. GSO Ende Mai 1952 aufgelöst wurde, blieb die 242.. die 1949 ins  0-Lager übergesiedelt war, noch bis zum Jahre 1954 hier, bis zur Verlegung nach Lüneburg. Sie hatte in diesen Jahren handwerkliche Arbeiten aller Art in den Lägern an den ehemaligen Wehrmachtsgebäuden und für die Besatzungsmacht auszuführen. Verschiedene Kommandos dieser Einheit arbeiteten aber schon seit 1946 ständig in Soltau, Reinsehlen und in Lüneburg. Munster war vor dem Kriege wegen des Übungsplatzes schon weit im Lande bekannt, wurde es aber in den ersten Nachkriegsjahren noch mehr dadurch, daß von hier aus fast alle deutschen Soldaten und Kriegsgefangenen. die in Händen der Engländer waren, zur Entlassung kamen. Munster war die letzte Station auf dem Weg in die Freiheit. Hier standen sie zum letzten Mal im Glied mit ihren Kameraden und Schicksalsgenossen. hier wurden sie noch einmal untersucht und neu eingekleidet, hier erhielten sie ihre Entlassungspapiere, von hier aus ging es in die oft zerstörte Heimat zu den jahrelang nicht gesehenen Angehörigen. Viele von ihnen, die ihre Heimat verloren hatten, blieben auch in Munster, meldeten sich bei der GSO oder suchten auf andere Art hier ein neues ziviles Leben aufzubauen. In den Jahren 1946/47 schnellten die Entlassungen sprunghaft in die Höhe. Die Zahl der Angestellten im Entlassungslager war bereits auf 600 angestiegen, dazu kamen noch 352 Beschäftigte des Lagerlazaretts. Trotzdem konnten sie den Massenbetrieb nicht bewältigen und die täglich mit Sonderzügen eintreffenden Kriegsgefangenen, die POW‘s (Prisoner of War), sofort abfertigen. Tagelang mußten diese nun in den einzelnen Lagern, die über Nacht entstanden waren, untätig sitzen und auf die Abfertigung warten. Reihen von Nissenhütten! Das war das eintönige Bild, das viele der Männer als ihren letzten Eindruck von Munster mit in ihre Heimatorte nahmen. 1950 waren noch 300 solcher Nissenhütten verstreut im Lager vorhanden, die seitdem leer und kahl dastanden, aber mehr und mehr von den Engländern abgebaut wurden und schließlich ganz verschwanden. Nachdem der größte Teil der Kriegsgefangenen aus den Westländern entlassen war, setzten die Transporte aus dem Osten ein.     Anstelle der zumeist wohlgenährten und gut gekleideten Soldaten die aus England, Kanada, Amerika oder Agypten kamen, traten jetzt die ausgemergelten Gestalten aus russischer Gefangenschaft. Zerlumpt und abgerissen, in Holzschuhen und Wattewesten. ohne persönliches Gepäck, so trafen sie in Munster ein.

Etwa 1,5 Millionen Soldaten sind in den Nachkriegsjahren hier durchgeschleust und entlassen worden.

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